Die See - sie ruft immer noch.
Hans Kolb aus Hamburg-Rosengarten berichtet :


15.10.01 ( morgen geht die Reise los )
Reisefieber ? Ich weiß nicht, seit 45 Jahren per Schiff und Flugzeug weltweit auf Achse und jetzt für einen 8 - 10 Tage - Trip Reisefieber ? Aber doch, irgend etwas macht mich unruhig. Die letzte Schiffsreise mit dem großen Hapag - Lloyd - Container " Elbe Express " als Urlaubsvertreter zusammen mit meiner Frau an die Ostküste USA liegt etwa 30 Jahre zurück.

Ich will jetzt mit der MS " Baumwall " fahren. Das ist ein etwa 3 Jahre alter 100 Meter langer Container - Zubringer. Vor 1,5 Jahren durfte ich den derzeit größten Container der Welt "Regina Maersk " kennenlernen. Welche Unterschiede! Dort 7000 Container + 70 000 PS, hier 500 Container + 4000 PS,

Ich möchte, daß meine Frau mich an Bord bringt. Ob die Besatzung ( Schiffsleitung ist deutsch ) wohl merkt, daß ich weiß, wo Backbord. und Steuerbord ist. Wenn der Kaptn. fragt, warum meine Frau nicht mitfährt, sage ich, sie könne nicht schwimmen.

baumwall


Oktober 1954 gleiche Reiseroute Hamburg > Brunsbüttel > Holtenau > Helsinki > Vaasa > Mentylutu > Turku > Pori > Brunsbüttel > Buenos Aires. Nur diesmal steige ich in Holtenau aus. Damals war unser Bordhund in der Holtenauer Schleuse hinter einem verirrten Hasen her und wurde erst auf der Rückreise halbverhungert vom Schleusenmeister wieder an Bord geliefert. Ob es auf der MS " Baumwall " auch einen Bordhund gibt?? Meine Frage nach der Anzahl der Stewardessen wurde bisher nur zweideutig beantwortet. Ich glaube, ihre Arbeit erledigt der Chinamann.


Gepäck: Früher Seesack, heute Koffer und Reisetasche. Mir fällt auf, ich bin noch nie mit Reise - Apotheke an Bord gegangen.

Jetzt könnte ich ein mittleres Hospital damit ausrüsten. Nur vorbeugende Medikamente. Allerdings ist ein ganz bestimmtes Verhütungsmittel - was früher eine große Geige spielte - nicht mehr in meiner Apotheke zu finden.

16.10.01 Nachmittags an Bord. Das Schiff liegt am Burghardtkai, genau gegenüber von Heinrich Gottschallt seiner Residenz Augustinum. Wegen Unfallgefahr darf kein Mensch die Kaianlagen betreten. Mit dem Shuttle - Bus geht es vom Gate zur Gangway. Sofort erkenne ich, daß es sich hier um ein sehr gepflegtes Schiff handelt, leider ist kein Bordhund zu entdecken.

Der Maschinenraum ist eine Puppenstube - kein Wunder, meine Schiffe waren dagegen riesig und oft älter als 25 Jahre. Gegen Rost, Schmutz und Rattenplage haben wir damals manchmal resigniert.
Meine Frau und ich wurden zum Abendessen eingeladen. Na ja, ein Seemann kennt keinen Schmerz - oder wie sagten wir früher?. Der Koch stammt wie die Mannschaft von den Phillipinen.

Zwei Stunden, meine Frau fährt per Taxe zurück nach Rosengarten, wir schmeißen die Maschine an und die Leinen los. Auslaufen bei Dunkelheit in den Kiel - Kanal.

Nach 24 Stunden habe ich das ganze Schiff durchgescheckt. Beeindruckend ist die moderne Technik auf der Brücke. Es kommt mir vor, als ob Leute, sagen wir mit Sportbootführerschein, das Schiff nach einem 3 - wöchigem Lehrgang fahren könnten. Das ist natürlich nicht der Fall. Die elektronischen Seekarten sowie die Radarbilder geben mir sofort eine aufschlußreiche Übersicht. Ein Mann auf der Brücke fährt das Schiff im Hafen bis zur Pier und wieder raus auf die See. Nur im Kiel - Kanal kamen ein Lotse und ein Rudergänger an Bord. Dabei erschien mir der Rudergänger mehr als der Mann, der für Unterhaltung sorgen mußte.

Morgens um 05.30 bin ich auf der Brücke. Wechselnde Eindrücke. Oft klares Wetter, herrliche
Sonnenaufgänge. Manchmal diesig - in der gefährlichen Kadettrinne äußerst gespannte Ruhe bei schlechter Sicht. Zwischendurch immer wieder die sachlichen Durchsagen der verschiedenen Seefunkstellen. Meistens nur ein Mann auf der Brücke ( mich natürlich nicht mitgerechnet ). Man glaubt es kaum, etwa 10 Grad Celsius und wir treffen noch Segler. Bei der Suche nach den kleinen Segelschiffen auf dem Radarschirm denke ich an meine Segelzeit mit gemischten Gefühlen zurück.

Nachts überholten wir gelegentlich Schiffe der gleichen Bauart. Die von der Rückseite mit hellen Lampen angestrahlten hohen Brückenaufbauten wirkten aus der Ferne durch unsere großen Nachtgläser wie riesige Segelschiffe der P - Klasse z.B. Passat, Pamir u.s.w. ( den Untergang der Pamir habe ich aus nicht allzu großer Entfernung miterlebt und noch in schlimmer Erinnerung ).

Mein Wunsch nach etwas ruppigem Wetter ( ich wollte ja eine Seefahrt und keine Alsterfahrt machen ) wurde bald gestillt. Bei den ersten etwas weiter ausholenden Rollbewegungen neigten sich die hoch aufgestapelten Containerberge beängstigend weit nach Backbord. und Steuerbord. Aber alles blieb in erträglichen Grenzen.

Der tägliche Gang durch die Maschinenräume weckte in mir Erinnerungen. Obwohl alles wie am Schnürchen abspulte, liefen vor meinem geistigen Auge vor Jahren bzw. Jahrzehnten erlebte Horrorsituationen ab. Schwere Maschinenschäden bei starken Stürmen und das noch bei Nacht und Nebel in Landnähe bei auflandigen Winden u.s.w. - - - - - -

Landgang in Finnland, Rauma - fast am nördlichen Ende des Botnischen Meerbusen. Postkarten schreiben in einem Cafe´, Kuchen und Fisch - allerbesten Lachs, für die Offiziersmesse einkaufen (
mein Einstand ) und sehr wichtig : Beim Schiffsagenten die inzwischen bekannte Frikadellen - Mail absetzen. Danke für viele gutgemeinte Ratschläge aus der Liste !

Das wars auch schon auf dieser Seereise. Was mir nicht gefiel, waren die wenigen für die Besatzung zur Verfügung stehenden Freizeiteinrichtungen. Keine Sauna, kein Internetanschluß, kein Tischtennis und der Fernsehempfang war auch mehr für blinde Sehleute geeignet.

Für mich sehr beeindruckend, daß ich auf der ganzen Reise nicht eine Flasche Bier oder ähnliche alkoholische Getränke zu Gesicht bekam. Früher waren diese Getränke zeitweise für das ganze Schiff problematisch - manchmal sogar äußerst gefährlich. Zum Abschied spendierte ich der phillipinischen Mannschaft, auf Empfehlung des Kapitäns, eine Kiste Bier. Auf meine Frage, ob hier jemand aus Zamboanga käme, ich sei früher gelegentlich in dieser philipinischen Hafenstadt gewesen, wurde ich von den Jungs gefragt, ob ich vielleicht meinen Sohn suche.

Soweit mein kurzer Erlebnisbericht. Von an der Pier stehenden finnischen Mädchen, die um ihre Jantjes zum Abschied weinen, habe ich nichts gesehen. Dafür sind heute die Liegezeiten zu kurz, früher waren die Liegezeiten deutlich länger und die Sailer vielleicht auch "hübscher".

Als Entschuldigung oder besser zur Erbauung für alle, die ich mit meinem Geschreibsel verstimmt habe, ein kleines Gedicht:

Ehre sei Gott auf dem Meere !

Er hat das Meer so weit bestellt
als schönsten Teil der ganzen Welt,
Und tat damit seine Weisheit kund,
damit nicht jeder Lumpenhund,
mit denen die Erde so reichlich gesegnet,
dem fröhlichen Seemann da draußen begegnet.

zurück