Vom Seemann zum Landmann
Hans Kolb aus Hamburg-Rosengarten berichtet :

Leinen los: 1954 Hamburg - Howaldtwerke
Abgemustert zwecks Heirat. 1964 in Marseille vom Schiff gezerrt.

wwwJetzt lag ich da mit meinem alten Seelenverkäufer in Marseille und sollte in wenigen Tagen in Oldenburg geheiratet werden. Eisenbahn und Flughäfen wurden bestreikt. Außerdem war von meinem Ablöser nix zu sehen. Als Maschinenfürst konnte ich das Schiff ohne Ablöser jedoch nicht verlassen. Der Schiffshändler - Lkw aus Glückstadt traf ein.
Ich nahm die Fahrer ins Visier. Die Jungs wurden von mir manipuliert (beschädigte Zollplomben sorgten für längere Liegezeiten des LKW's ). Dafür wurden sie aber auch gut von mir versorgt und bei Laune gehalten mit Lotsenkabinen, gutem Essen, reichlich Bier und Bommerlunder. Sie blieben so lange an Bord, bis mein Ablöser an der Pier stand ( er war schockiert vom Anblick unseres schwimmenden Sarges (siehe oben ) und ich fuhr mit den Jungs per LKW zu meiner Hochzeit nach Deutschland. Fahrpreis: 2 Tage Pommes mit Currywurst und Cola für 2 Personen.

Der neue Landjob versprach interessant zu werden. Die ständigen Dienstreisen sollten jetzt aber nicht mehr per Schiff sondern per Flugzeug abgewickelt werden. Sobald das Gespräch auf Flugverbindungen kam, überfielen mich Angstzustände.

Ein Seemann weiß sich aber immer zu helfen. Also fuhr ich mit dem Transeuropa Express quer durch Europa. Wien, Kopenhagen, Stockholm, Budapest, Mailand u.s.w. Ging prima, gemäss meiner Gehaltsklasse durfte ich das Schlafwagen Double - Abteil benutzen. Wenn ich Glück hatte, erhielt ich ein Schlafabteil für mich allein. Oft fand ich im Speisewagen interessante Mitreisende am Tisch - dann ging man später ins Bett, manchmal auch sehr spät. Nur Damen wurden eigenartiger Weise nicht bei mir einquartiert. Leider war der Eisenbahn - Traum nach kurzer Zeit beendet, weil ich immer wesentlich mehr Reisezeit benötigte als meine Kollegen.


Flug: Hamburg > München > Istanbul > Hamburg.
Abends, fast leere Boing 737 in HH - Fuhlsbüttel, ich dachte schon, ich sei in eine verkehrte Maschine ( Abstellgleis oder so ) gestiegen. Bevor es los ging, setzte sich eine bekannte Volksschauspielerin mit Namen Hella auf meinen Nachbarsitz. Nach wenigen Augenblicken bemerkte sie meine Angstattacken und versuchte mich abzulenken, um mir die Angst zu nehmen. Half aber nix.

Als ich etwa 14 Tage später wieder in meinem Büro auftauchte, lag ein Zeitungsartikel auf meinem Schreibtisch, der mich überraschte. Hella hatte in einer Hamburger Zeitung einen Artikel über unsere Begegnung geschrieben und der ging in etwa so:

 
Seemann in Nöten

Über Lichtzeichen erschien das Kommando " No smoking", da zündete sich mein Nachbar eine Pfeife an. Das heißt, er versuchte es. Seine zitternden Finger brachten kein Streichholz zum Brennen. Ich sagte: " Ist ja im Augenblick sowieso nicht gestattet." Der junge Mann stopfte seine Rauchutensilien zurück in die Jackentasche.

"Wir haben Starterlaubnis" verkündete eine männliche Stimme. Mein Nebenmann erstarrte. Seine Hände krampften sich um die Sitzlehnen, mit geschlossenen Augen saß er schwer atmend da. "Fehlt ihnen was?" - "Mut" flüsterte er. "Och....." mehr fiel mir nicht ein. Er sprach weiter. " Ich bin Seemann, Maschine, ich weiß doch was alles passieren kann."

Ich erzählte Döntjes aus meinem Leben, er hörte mich nicht. Er zitterte vor Angst. Ich beugte mich zu ihm rüber. " Seemann guck mir in die Augen, bis wir oben sind". Er hatte blaue Augen.




Ankunft in Istanbul: Für mich war das Hilton - Hotel reserviert, Hella hatte leider keine Reservierung. In ganz Istanbul kein Zimmer zu bekommen - Ärztekongress. Ich schleppte Hella mit in meine Räume. Sie durfte mein Bett benutzen und ich schlief auf dem Sofa im Wohnbereich. Als sie ihr Nachtgewand anlegte, verschwand ich so lange auf den Balkon und genoß den herrlichen Blick über den Bosporus. (Mir kamen Erinnerungen an meine ersten Seereise. 1954 lagen wir im Bosporus vor Anker und bekamen große Probleme mit Polizei und Schiffsleitung, weil wir uns während der Nacht einen unerlaubten Landgang genehmigten). Ich sollte später in diesem Hotel noch viele Male übernachten.

Als Quartiermeister wurde ich natürlich von Hella zum Abendessen eingeladen. Und wegen des überlebten Jungfernfluges war ich durstig wie ein Kamel nach einem Wüstentrip. Hella bezahlte alle Rechnungen. Am nächsten morgen begleitete Hella mich zur Autovermietung Interrent. Mein Führerschein muß in einer der am vorigen Abend getesteten Kneipen verschwunden sein, jedenfalls war er unauffindbar. Wat nu ? Ich mußte an die Schwarzmeerküste nach Kara. Diese Stadt lag etwa in der Mitte zwischen Istanbul und Ankara. Geht nur per Schiff, was anderes fiel mir nicht ein. Runter zum Hafen, ich aufs Schiff, winke winke und ab ging die Post. Hella verschwand am Horizont. Ich habe sie nie mehr gesehen - nur auf dem Bildschirm.

In Kara hatte man mir ein Zimmer im Hotel Madrid reserviert. Ich vergesse es nie. Das Hotel hatte keine Toilette, ich mußte zur Morgenwäsche auf die gegenüberliegende Straßenseite in ein Männerwohnheim.Wenn ich mein Zimmer verlassen wollte, stieg ich erst in mein Bett, damit ich die Tür öffnen konnte. Auf der Straße wurde ständig gehupt. Zunächst dachte ich, meine Abholer seien gekommen und wollten mich rufen. Aber den Lärm hörte man rund um die Uhr.

Zum Abendessen ging ich in das "beste" Restaurant der Stadt. Die in der Küche hängenden Hammelviertel, besetzt mit tausenden von Fliegen, konnte ich von meinem Tisch aus sehen. Deshalb aß ich jeden Abend und jeden Morgen eine gute Bohnensuppe mit herrlichem Weißbrot ( keinen Hammelbraten ). Nur füllte mir der Koch immer zu viel Bohnen und zu wenig Flüssigkeit in den Teller. Große Sprachprobleme - ich also in die Küche und dem Koch gezeigt, wie er in Zukunft meinen Suppenteller zu füllen hatte.

gggg
  Ein großer Hund lag immer in der Küche, dem gefiel mein Besuch zunächst überhaupt nicht. Er hatte ein krankes Auge, deshalb nannte ich ihn Triefauge. Bei meiner Abreise waren wir aber die besten Freunde. Heute ist er bestimmt schon im Hundehimmel.  

Ich mußte länger in Kara bleiben als geplant. Langsam wurde mein Geldbeutel leer. Euroschecks, Dinerskarten u.s.w. kannte kein Mensch. Am Sonnabend Einkauf beim örtlichen Buchhändler. Nachdem ich leise über die hohen Buchpreise schimpfte, hörte ich hinter mir eine deutsche Stimme, das sei hier doch alles viel billiger als in Deutschland. Nach Offenbarung meiner Finanzlage machte die groß gewachsene und sehr schöne Dame ihre Geldbörse auf und gab mir 800,00 DM (achthundert) und ihre Konto Nr. bei der Hamburger Sparkasse. Ich war baff. Dankbar wie ich nun mal war, schleppte ich für den Rest des Vormittags ihren Einkaufskorb durch die Geschäfte und über den Markt. Am Ende des Einkaufbummels wurde ich in ihre Wohnung zum Kaffe eingeladen.
Ich dachte: NANU - NANU

In ihrem Zuhause angekommen, bereitete ihr Mann uns Kaffee mit Gebäck und in diesem geselligen Gespräch stellte sich folgendes heraus: Sie war nach Kriegsende Krankenschwester im Krankenhaus HH - Eppendorf und umsorgte meinen erkrankten Onkel (Schlachtermeister aus der Lüneburger Heide). Weil sie so verhungert aussah (so sahen damals viele Menschen aus), schickte mein Onkel sie für mehrere Wochen zur Erholung und zum Aufpäppeln in seinen Schlachtereibetrieb (mein Großelternhaus).

Einige Tage später: Stundenlange Rückfahrt per Bus bei sehr kaltem Winterwetter von Kara. nach Istanbul. Wenn der Motor nicht anspringen wollte, machte man unter dem Bus große Feuer zum Anwärmen des Öls. Ich bin vorsichtshalber ausgestiegen. Die Fahrt war wegen der leichtsinnigen Autofahrer sehr gefährlich, später erfuhr ich, es war die sogenannte Todesroute Ankara - Istanbul, verkehrstechnisch einfach nicht zu beschreiben. Zeitweise entfleuchten die im Bus reichlich vorhandenen Hühner, Enten und sonstigen Schnattertiere ihrem Besitzer und wurden mit großem Geschrei wieder eingefangen. Kurz vor dem Reiseziel mußte ich noch meinen Platz wechseln. Meine Nachbarin in ihren langen Kleidern wurde plötzlich sehr krank oder sie bekam ein Kind. Ich war froh, als ich in meiner Lufthansamaschine saß, keine Bohnensuppe sondern Schwarzbrot mit Rührei und kaltes Bier serviert bekam. Ich fühlte mich wie ein König.

Gleich nach der Rückkehr in HH überwies ich das geliehene Geld, diese hilfsbereite Unbekannte habe ich nie wiedergesehen.


Flug Hamburg > Wien > Brünn ( Brno )Kaum zu glauben, aber wahr! Kurz vor Weihnachten, die Flugangst bestand zwar noch, war aber auszuhalten. Der Weiterflug von Wien nach Brünn war gestrichen. Also, Mietwagen von Interrent und weiter ging der Trip. Es begann schon dunkel zu werden, reichlich Schnee fiel vom Himmel und lag bald sehr hoch auf den Straßen.

Abends gegen 20.00 Uhr blieb ich bei Dunkelkeit und Schneegestöber in meterhohen Schneewehen am Berg liegen und konnte nicht vor und nicht zurück. Mir kam der Gedanke, daß plötzlich auch Wölfe an meiner Windschutzscheibe schnuppern könnten. Freundliche Tschechen zogen mich da raus. Mein Reiseziel Brünn war nicht mehr zu erreichen.

Im nächsten Dorf bekam ich in einer kleinen Kneipe ein Zimmer für die Übernachtung. Auf meine Frage nach Abendbrot nickte der Wirt mit dem Kopf und sagte in einem deutsch - tschechisch - Gemisch : " Danz op de Deel is ook ". Das war nach meiner Mütze, ich saß mit einigen hochdekorierten russischen Offizieren an einem Tisch und wir verfolgten bei reichlich Wodka ( er hieß aber noch nicht "Gorbatschow" ) die Dorfjugend beim Schwof. Für die kleinen Generäle war ich die Attraktion aus dem Westen. Obwohl der Eiserne Vorhang noch sehr dicht war, brachte es ihnen Freude, mir einen Wodka nach dem anderen zu spendieren.

Und damit begann das Drama: Am nächsten Morgen war mein Autoschlüssel verschwunden (nagelneuer Opel). Der hilfsbereite Wirt holte den Opel -Service. Und wer kam? Der Dorfschmied mit Kneifzange, Hammer und Säge. Nach etwa einer Stunde Palaver nahm ich seinen Hammer, zerschlug die kleine Dreiecksscheibe an der Fahrertür und konnte jetzt den Wagen ohne Schlüssel mit der Park - Garagenschaltung starten. Pappe in das Seitenfenster und weiter ging die Reise.

Einige Tage später hatte ich meine Aufträge erledigt und wollte die Heimreise antreten. Inzwischen hustete ich wie ein Polarbär. Mein Kofferraum musste für den bevorstehenden Grenzübertritt zu öffnen sein. Im Hotel Interconti rief ich erneut den Opel - Service. Diesmal schienen es wirklich Autofachleute zu sein. "Opel" konnte man auf ihren Overalls lesen. Aber nach wiederum einer Stunde wurde ich unruhig und stellte entsetzt fest: die Monteure waren verschwunden, der Kofferraum war nach wie vor verschlossen, dafür war das Lenkradschloß blockiert.

Wat Nu ? Weihnachten stand vor der Tür, ich konnte als frischverheirateter Ehemann doch meine Frau in Rosengarten nicht allein lassen - sonst hätte ich auch gleich weiter zur See fahren können.
Ich besorgte mir vom Hausmeister Hammer und Meißel, stemmte die ganze Lenkradsäule von dem neuen Fahrzeug auf und entriegelte damit das Lenkradschloß mit Gewalt. Ziemlich verstimmt düste ich los in Richtung Wien. Alle Stunde entfachte sich in meiner Lenkradsäule ein mittelgroßes Feuer. Stopp, Mütze voll Schnee und das Feuer war wieder aus.

So erreichte ich die Grenze. Die Grenzer wollten in den Kofferraum sehen ( sie suchten nach Flüchtlingen ) und ich konnte ja wegen des fehlenden Schlüssels den Kofferraum nicht öffnen. Nach Anweisung der Grenzer sollte ich zurück nach Brünn, zu Opel, um den Kofferraum öffnen zu lassen. Auch der Dienststellenleiter (ein furchterregender Zweimetermann) war nicht davon abzubringen.
Jetzt mußte ich handeln, schnappte mir - vor den entsetzten Augen der Grenzer - eine am Straßenrand herumliegende Eisenstange, brach damit die Armlehnen im Fond ab, konnte die Rücklehne nach vorne drücken und der Blick in den Kofferraum war frei. Schlagbaum hoch und durch.

mmmm In Wien traf ich meinen Freund Rudi und beim gemeinsamen Bummel durch die Wiener Altstadt waren die Reisestrapazen schon wieder Schnee von gestern. Rechtzeitig traf ich zum Heiligabend bei meiner Frau in Rosengarten ein - mein Marzipanbrot war noch nicht angebissen. Aber die jetzt geplante Weihnachtsreise zu Oma nach Oldenbg. habe ich hartnäckig verweigert, ich brauchte absolute Ruhe. So gewöhnte ich mich langsam daran, ein Landmann zu werden.
+++

Jetzt im Jahre 2001, fast 40 Jahre nach Ende meiner Seefahrtszeit, sah ich durch Zufall in einem Hamburger Reedereihaus die Ankerglocke meines letzten Schiffes "Amazonas". In den Büros war niemand, der sich noch an den dazugehörigen Frachter erinnerte.

 

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