Gegen 11.00 Uhr
kam Rudi, natürlich per
PKW, bei mir in Rosengarten an. Er wohnt in der Lüneburger
Heide und war heute vorher beim Arzt. Die Krankenschwestern hatten
ihn solange aufgehalten und wollten alles über seine Aktivitäten bei
der Fliegerei wissen. Rudi war im Krieg Flieger.
Um etwa 12.00
Uhr erreichten
wir die Leichenschau. Hunderte von Menschen warteten vor der
Kasse. Ein Gorilla ( auch schon tot ) wurde
angeliefert. Wat' n Quatsch, soooo lange warten ? Nicht mit
uns, aber was machen wir nu ? Früher wären wir erstmal in den
Silbersack gegangen. Warum eigentlich nicht ? Wir also hin
- der Silbersack ist eine der bekanntesten Szenekneipen von St. Pauli.
Am Eingang torkelte
uns ein Hüne entgegen
und wollte uns an den Kragen, wir konnten ihn aber beruhigen, indem
wir sagten, dass wir auch Fremdenlegionäre und ebenfalls
heimatlos seien.
Kleinen Drink an der
Bar, in Gesellschaft
von einer inzwischen ausgemusterten
" Unterhaltungsdame "
, die dauernd von dem
Hünen - war bereits auch wieder zurück - belästigt wurde. Sie
schrie immer: " heute nicht Gustav ! "
Wieder los zu den
Leichen - immer noch
Menschenschlangen. Oder sollten wir zunächst einen Besuch in der
Herbertstraße machen ? Wo wir schon mal hier waren ? Klar,
wie kommt man dahin ? Eine Einwohnerin beschrieb uns den Weg und
warnte uns : " ist aber nich mehr so wie früher ". Woher wußte die
das eigentlich ? Macht
nix, wir bleiben ja nicht lange, wolln nur mal kieken.

Gestern war eine
Sendung mit Carlo von
Tiedemann aus der Erichrichstraße, gleich nebenan. Aber die
Herbertstraße ist viel bekannter:
Drei Damen, das war
der ganze Bestand in der
bekanntesten Straße der Welt. Soll schon mal besser gewesen sein. 50 ¤
wollten sie von uns haben, aber die mussten wir
ja für die Leicheneintrittskarten behalten. Außerdem - ob die
auch noch 70 und 83 - jährige empfangen würden ?
Nächster Anlauf zu den Leichen. Unterwegs
wurden wir von einem ( Koberer ? )
unrasierten aber mit Kravatte behängtem Typen angesprochen, wir sollten
uns die Show ansehen. Fast alles kostenlos. Schöne Deerns und Separees
gäbe es da auch. Sind wir nicht schon zu alt ? Och watt, wir doch
nicht. Rein in den Schuppen , man stelle sich vor, es war
inzwischen gerade Mittagszeit.
Eine Dame hüpfte
dauernd mit fast nix an
um eine Stange rum, manchmal linksrum und dann auch wieder rechtsrum.
Wir waren die einzigen Gäste, saßen kaum und schon
hatte jeder eine Tischdame. Rudi hatte die hübsche Reserve -
Stangentänzerin und ich die ziemlich alte Wirtin oder war es die
Raumpflegerin ?
Ob wir wohl nen Drink
bezahlen würden,
fragten Jenny und Rita sofort nach der Vorstellung. Ja, aber erst
nach dem Essen, wenn wir wiederkommen. Und schon waren sie
verschwunden.
Wieder zurück zu den
Leichen. Immer noch
hunderte von Menschen. Weiter fuhren wir jetzt zum
Aufmotzen unseres Energiehaushaltes in die Schlachterbörse.
Ebenfalls Szenelokal, aber nebenan im Schanzenviertel. Was
kulinarische Genüsse anbetrifft, allererste Sahne. Fantastisch,
prima Tisch erwischt, der letzte. Alles wohl Geschäftsleute -
tolle Atmosphäre. Bezaubernde freundliche Kellnerin und Super
- Bier. Die Kellnerin wäre an
sich auch was zum Heiraten gewesen. Ist aber jetzt zu spät.
Mein Kottlett war
min. 5 cm dick, dazu
Nieren und Grünkohl. Rudi sagte immer Spinat dazu. Wie der Koch son
dickes Kotelett rosa braten kann ist mir heut
noch schleierhaft - ich kann nämlich auch kochen.
An sich hätten wir
hier schön bleiben
können, nur bis zum Abendbrot hätte sich bestimmt noch kein Hunger
wieder eingestellt.
Wir erzählten uns
Geschichten von
früher - wir waren schließlich 45 Jahre auf Reisen und
das halbe Lokal hörte zu. Hoffentlich haben die nicht alles verstanden.
Reisende Leute können eben mehr erzählen als der Sparkassendirektor
oder der Finanzbeamte.
Wieder zu den
Leichen, immer noch voll.
Schnau....ze voll, ab nach Haus, müde und kaputt. Durch den alten
Elbtunnel mit Fahrstuhl runter und wieder rauf. Über die
Köhlbrandbrücke, ein immer wieder wunderschönes Bild über unseren
tollen Hamburger Hafen, in dem die ersten Lichter schon brannten.
Zu Haus in meinem
Sessel habe ich nochmal
nachgedacht. War wieder ein schöner Tag mit Rudi. Wie in alten
Zeiten - aber, wie sich die Zeiten ändern ? Vor dreißig
Jahren hätten Rudi und ich nach so einem Spaziergang
bestimmt 2 Promille im Bauch gehabt und jetzt sind wir
totnüchtern zu Haus gelandet. Sind wir jetzt vernünftig - oder alt -
oder verrückt ?
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