Moin moin,
 
leiche 1  Leichen auf St. Pauli wollte mein Freund Rudi kurz vor Weihnachten sehen, er meinte           die auf der Reeperbahn ausgestellten Leichenpräparate und ich sollte sozusagen als   Bodyguard mitkommen.  An sich nicht meine Blickrichtung, aber nach anfänglichem Zögern sagte ich zu.
 
Ein Wort zu Rudi: Rudi ist ein langjähriger, inzwischen über 83 jähriger, Arbeitskollege von mir und fitt wie'n Turnschuh. Rudi hat die ganze Welt gesehen, ich habe ihn in Südargentinien und am nördlichen Polarkreis getroffen. Er hat mir viel gezeigt, auch den Heurigen in der Wiener Altstadt. 
 
Gegen 11.00 Uhr kam Rudi, natürlich per PKW, bei mir in Rosengarten an. Er wohnt in der Lüneburger Heide und war heute vorher beim Arzt. Die Krankenschwestern hatten ihn solange aufgehalten und wollten alles über seine Aktivitäten bei der Fliegerei wissen. Rudi war im Krieg Flieger - im Stalingrad - Einsatz mit der Ju 52.
 
Um etwa 12.00 Uhr erreichten wir die Leichenschau. Hunderte von Menschen warteten vor der Kasse. Ein Gorilla ( auch schon tot ) wurde angeliefert. Wat' n Quatsch, soooo lange warten ? Nicht mit uns, aber was machen wir nu ? Früher wären wir erstmal in den Silbersack gegangen.  Warum eigentlich nicht ?  Wir also hin - der Silbersack ist eine der bekanntesten Szenekneipen von St. Pauli.
Am Eingang torkelte uns ein Hüne entgegen und wollte uns an den Kragen, wir konnten ihn aber beruhigen, indem wir sagten, dass wir auch Fremdenlegionäre und ebenfalls heimatlos seien.
 
Kleinen Drink an der Bar, in Gesellschaft von einer inzwischen ausgemusterten
" Unterhaltungsdame " , die dauernd von dem Hünen - war bereits auch wieder zurück - belästigt wurde. Sie schrie immer: " heute nicht Gustav ! "
 
Wieder los zu den Leichen - immer noch Menschenschlangen. Oder sollten wir zunächst  einen Besuch in der Herbertstraße machen ? Wo wir schon mal hier waren ?  Klar, wie kommt man dahin ?  Eine Einwohnerin beschrieb uns den Weg und warnte uns : " ist aber nich mehr so wie früher ". Woher wußte die das eigentlich ? Macht nix, wir bleiben ja nicht lange, wolln nur mal kieken.

herbert2
 
Gestern war eine Sendung mit Carlo von Tiedemann aus der Erichrichstraße, gleich nebenan. Aber die Herbertstraße ist viel bekannter:
 
http://kolb-rosengarten.bei.t-online.de/antunnel.html
 
 
Drei Damen, das war der ganze Bestand in der bekanntesten Straße der Welt. Soll schon mal besser gewesen sein. 50 € wollten sie von uns haben, aber die mussten wir ja für die Leicheneintrittskarten behalten. Außerdem - ob die Damen auch noch 70 und 83 -  jährige Männer empfangen würden ? 
 

Nächster Anlauf zu den Leichen. Unterwegs wurden wir von einem ( Koberer ? ) unrasierten aber mit Kravatte behängtem Typen angesprochen, wir sollten uns die Show ansehen. Fast alles kostenlos. Schöne Deerns und Separees gäbe es da auch. Sind wir nicht schon zu alt ? Och watt, wir doch nicht. Rein in den Schuppen , man stelle sich vor, es war inzwischen gerade Mittagszeit.

tanz3Eine Dame hüpfte dauernd mit fast nix an um eine Stange rum, manchmal linksrum und dann auch wieder rechtsrum. Wir waren die einzigen Gäste, saßen kaum und schon hatte jeder eine Tischdame. Rudi hatte die hübsche Reserve - Stangentänzerin und ich die ziemlich alte Wirtin oder war es die Raumpflegerin ?
Ob wir wohl 'nen Drink bezahlen würden, fragten Jenny und Rita sofort nach der Vorstellung. Ja, aber erst nach dem Essen, wenn wir wiederkommen. Und schon waren sie verschwunden. 
 
Wieder zurück zu den Leichen. Immer noch hunderte von Menschen. Weiter fuhren wir jetzt zum Aufmotzen unseres Energiehaushaltes in die Schlachterbörse. Ebenfalls Szenelokal, aber nebenan im Schanzenviertel. Was kulinarische Genüsse anbetrifft, allererste Sahne. Fantastisch, prima Tisch erwischt, der letzte. Alles wohl Geschäftsleute - tolle Atmosphäre. Bezaubernde freundliche Kellnerin und Super - Bier. Die Kellnerin wäre an sich auch was zum Heiraten gewesen. Ist aber jetzt zu spät. 
Mein Kottlett war min. 5 cm dick, dazu Nieren und Grünkohl. Rudi sagte immer Spinat dazu. Wie der Koch son dickes Kotelett rosa braten kann ist mir heut noch schleierhaft - ich kann nämlich auch kochen.
An sich hätten wir hier schön bleiben können, nur bis zum Abendbrot hätte sich bestimmt noch kein Hunger wieder eingestellt.
 
Wir erzählten uns Geschichten von früher - wir waren schließlich 45 Jahre auf Reisen und das halbe Lokal hörte zu. Hoffentlich haben die nicht alles verstanden. Reisende Leute können eben mehr erzählen als der Sparkassendirektor oder der Finanzbeamte.
 
Wieder zu den Leichen, immer noch voll. Schnau....ze  voll, ab nach Haus, müde und kaputt. Durch den alten Elbtunnel mit Fahrstuhl runter und wieder rauf. Über die Köhlbrandbrücke, ein immer wieder wunderschönes Bild über unseren tollen Hamburger Hafen, in dem die ersten Lichter schon brannten.
 
Zu Haus in meinem Sessel habe ich nochmal nachgedacht. War wieder ein schöner Tag mit Rudi. Wie in alten Zeiten - aber, wie sich die Zeiten ändern ? Vor dreißig Jahren hätten Rudi und ich nach so einem Spaziergang  bestimmt 2 Promille im Bauch gehabt und jetzt sind wir totnüchtern zu Haus gelandet. Sind wir jetzt vernünftig - oder alt - oder verrückt ? 
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