08/03/2013 14:04:33
www.kolb-rosengarten.de/Eisfahrten

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Hallo nochmal, hier kommt vielleicht mein letzter Reisebericht. Angeregt
 durch das Foto aus der Zeitschrift
" Der Spiegel "
hole ich nochmals aus.

Bitte verzeiht mir einige Wiederholungen ! Unsere Damen vom SNHH haben mir aber versichert, dass meine Leser / innen mit Sicherheit in einem Alter sind, wo schnell vergessen wird. Und wer erlebt schon viel Neues ?

Die See, die Elbe, ihre Männer und die Schiffe, das war nun mal mein Leben !

eisfahrt!cid

Diesen Blick, der hier im Bild gezeigt wird, hab ich 1954/55  wochenlang gehabt. Ich kam mit meinem Kohlen-Steamer zurück von Südamerika - Buenos Aires und auf der Rückfahrt noch eben mal durch den Bosporus nach Konstanza - Rumänien ins schwarze Meer.

Aber was jetzt kommt, das war Seefahrt pur. Hier geht es jetzt nicht um Stürme, Hurrikane oder Taifune - alles erlebt. Hier geht es um Fahrten durchs Eis in die nördlichsten Regionen der befahrbaren Seestraßen. Europäisches Nordmeer, Barents Sea bis in die Mündung des Jenissei. Hier konnte man aber nur - innerhalb eines kurzen Zeitfensters eisfrei - anlanden. Meist aber fuhren wir von England nach Archangelsk und das mit uralten, klapperigen schrottreifen Seeschiffen.

 Luiese / Wilhelm B.

Ich weiß nicht, ob es damals schon Eisklassen für Schiffe, die in durch Eis gefährdete Gewässer fuhren, gab. Naja, ich denke schon, auf der Titanic sprach man ja auch schon davon. OK, das Eis kam ja nicht über Nacht, aber es kam langsam immer dichter. Das ganze Schiff war kalt wie eine Hundehütte, die Heizungen liefen auch leider nur ab und zu.

eisgang

In den Kammern und auch unten in den Tiefen der Maschinenräume hörten wir die ganze Nacht das Knirschen und Kreischen des Eises an den Schiffswänden. Es kam vor, dass schon mal eine Niete aus den Schiffswänden sprang und wie ein Geschoss durch die Gegend sauste. Mein 2. Ing. sah meinen ängstlichen Blick und schnauzte mich an : Wat kiekste Junge, hol den Besenstiel und hau ihn in das Nietloch. Aber dann absägen, er meinte den Rest vom Besenstiel.

Als wir uns festgefahren hatten - die Schraube drehte nicht mehr - liefen Bb und Stb später die Matrosen außenbords auf dem Eis rum und spielten Fußball. Hilflos  wie ein Fisch im Netz lag unser Dampfer da und wir dachten " hoffentlich geiht dat good ".

" Keine Angst Jungs, Chrutchow's Eisbrecher sind schon unterwegs " sagte der II WO und dann kamen solche Kolosse, brachten die Leinen rüber und ............ ?????? --- russischen Wodka  !!!! :


eisbrecher

 

Junge, dachte ich für mich, du machst ja ganz schön was mit. Unser Klassenbester aus der Schule wollte Standesbeamter werden. Der " Arme Hund " - dachte ich so für mich.

Hauptanlaufstation war Archangelsk. Hier holten wir Holz, riesige Baumstämme wurden unter Deck und auch an Deck bis in Brückenhöhe geladen. Die älteren Sailor gingen nicht an Land, hier ist doch der Hund begraben. Das war ihre Ansicht, nur Hans Kolb ging immer an Land. Der Landgang war hier nicht vergleichbar mit den restlichen Häfen der Welt, nein, wirklich nicht !
Ich glaub, es war auch nicht erlaubt, dass die Seemänner hier einzeln oder in Gruppen durch die Stadt pirschten.

Ich wurde also per PKW von Olga ( Studentin - tätig im russischen " Duckdalben " ) abgeholt - ich allein, kein Seemann wollte mit. Olga war sowas wie 'ne Seemannsmutter ( nicht Seemannsfrau ) aber noch ziemlich jung, ich schätzte sie an die 25 Jahre und ich war erst etwa 20 Jahre alt.
Sie sprach sehr gut deutsch und sah auch gut aus. Sie schleppte mich in das Seemannsheim in Archangelsk und wollte mich zu später Stunde auch wieder an Bord bringen. Lüttje Anmerkung : sie hat mich auch nicht mit nach Haus genommen.

Das Seemannsheim - eine Geschichte für sich - eine verräucherte alte Kate mit vielen kleinen Räumen ( aber hell erleuchtete Räume, nicht wie die Kneipen in Rio, Monte Video, Antwerpen oder Odessa im Halbdunkel ).  Wodka gab es auch, aber in sehr kleinen, halbvollen Gläsern. Ich bekam auch mit warum: scandinavische Seeleute hatten zuvor unter starkem Alkoholeinfluss die halbe Hütte zertrümmert. Man konnte hier Karten, Tischtennis, oder Ratespiele mit den Mädchen spielen - aber ohne Pfandabgabe wie in Amsterdam. Da saß unser Bootsmann meist in der Unterhose am Tisch ( seine Klamotten hatte er schon verspielt ). Die Ratespiele waren für 'nen deutschen Seemann viel zu schwer. Man musste sagen, wann und wo Goethe geboren war und all solch komplizierte Sachen. Die russischen Deerns wussten sowas wie aus der Pistole geschossen. Langsam kam ich dahinter, es waren alles Germanistikstudentinnen mit guten Deutschkenntnissen. Und dann kam
 " Sie ". Sie hieß xyz - ich nannte sie für den Rest des Lebens " Lilly " . Und sie hörte auch sofort auf mich, wenn ich sie mit Lilly ansprach.



lilly

Ab sofort wurden die Spiele von mir gestoppt und ich tanzte nur noch mit Lilly Tango und alle anderen Tänze, die so aus dem Grammophon tropften. Sie tanzte wie ein Engel und roch wie ein Engel. Den Geruch betone ich hier, denn die ganze Bude roch sonst wie ein Papyrossi - Rauchsalon. Alle Männer und einige Frauen rauchten diese russischen Zigaretten ohne Unterbrechung. Es war schrecklich. Ich wunderte mich wo die ganzen Männer herkamen, keine Seeleute, ich glaub, alles KGB - Agenten - alles große starke James Bond Typen. Ich war immer sehr freundlich ( auf russisch ) zu den Männern, sie sprachen weder deutsch noch englisch.

Lilly und ich verabredeten uns für das nächstes Einlaufen in A. Ich schrieb ihr von England.... eintreff in A. am ... und als wir die Dwina wieder hochliefen, saß sie schon am Ufer und winkte mit dem Taschentuch. Einfach herrlich, die ganze Besatzung bekam alles mit und fragte mich aus.
Auf See war mein einziger Gedanke, was bringste Lilly mit ? Zigaretten ?  Whisky ?  Passt alles nicht zu der Deern. Auf meiner Wache bastelte ich auf der Drehbank in nächtelanger Arbeit einen herrlichen Briefbeschwerer. So in etwa sah das Biest aus, alles aus Messing, nur der Fuß aus gehämmertem Kupfer :

pokal

Ich glaub, sie hat sich sehr dazu gefreut. Aber Jahre später hab ich erfahren, dass sie große Probleme wegen dieses Geschenkes mit dem KGB bekam - verbotene Westkontakte oder dergl.
Naja, wie es so kommen musste, wollte ich ihr natürlich meine Kammer ( so heißen die Unterkünfte der Seeleute ) zeigen. Ging nicht, an die 10 russische Soldaten mit entsicherter MP - buchstäblich im Anschlag - standen vor der Gangway und vor dem ganzen Schiff. Mach ich schon, sagte ich zu Lilly und zog 'ne Stange Chesterfield aus dem Ärmel. Nix zu machen ! Lillys Studentenheim wollte ich sehen - ging auch nicht und draußen lag 2 Meter Schnee. Archangels gehört mit zu der kältesten Stadt in dieser Gegend, - 60 Grad C hat man hier schon gemessen. Bei meinen nächsten Reisen brauchten wir Olga nicht mehr. Per Straßenbahn holte Lilly mich ab und brachte mich auch wieder an Bord. Die Straßenbahnfahrten waren ein Abenteuer - draußen meterhoher Schnee und die Wagen schaukelten stärker als mein Schiff in der Biskaja.
Ne Oma mit einer Rückenlast Holz auf dem Buckel fiel in einer Kurve aus der langsam fahrenden Bahn in den tiefen Schnee. Ich wollte rausspringen und Oma aufhelfen - nö meinten die Fahrgäste, Oma fällt öfter mal raus - sie trank wohl zuviel Wodka.  

So in etwa müssen unsere beiden Trampdampfer Wilhelm und Luise Bornhofen ausgesehen haben, als wir wieder in Hamburg einliefen :

tramper

Maler : Ole West

Naja, es kam wie es kommen musste, die Russlandfahrten wurden eines Tages gestoppt.

Ich trieb mich dauernd in New Orleans rum und freundete mich mit Jenny Kolb, der Gastwirtstochter einer Nobelherberge, in New Orleans an.

Hier sollte ich Schwiegersohn werden :

kolbs
                Restaurant 

Erika Albrecht, eine leider schon verstorbene SNHH - Freundin, hat meine Angaben in New Orleans viele Jahre später überprüft - stimmt alles was Hans erzählt - hat sie geschrieben. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Und nu ??? Soll ich aufhören, nein für die Seefahrer der neueren Gattung wie z.B. die Besatzung der " Regina Maersk " und solchen Kollegen  dieser heutigen Zunft  muss ich den Rest auch noch erzählen - sie glauben mir meine Erzählung mit Sicherheit nicht :

Teil 1 :
Also, etwa 50 Jahre ( ein halbes Jahrhundert ) später sagte meine Frau in Rosengarten zu mir : Wir sollten mal Pakete nach Russland senden, das Hamburger Abendblatt ruft dazu auf.
OK sagte ich, dann senden wir sie aber an Lilly. Meine Frau sah mich an, als wenn sie sagen wollte : "jetzt geht's los" :
Du weißt nicht, ob sie noch lebt, wo sie lebt und wie sie heißt weißt du auch nicht - sie hat ja wohl geheiratet. Mein Deern, ich war Seemann und Seeleute behalten ihre Freundinnen, die sie mal im Arm gehabt haben, immer im Sinn.

Ein Schrieb an die UNI Archangelsk ( hier arbeitete sie wahrscheinlich als Dozentin ) und nach 6 Wochen hatte ich einen langen Brief von Lilly. Und wenig später hatten wir eine Einladung nach Russland in der Hand.
Als wir da eintrafen war großes Orchester angesagt. Lilly und ihr Mann ( er war Marineflieger - er zeigte den Schiffen den Weg durchs Eis in den Hafen oder hinaus auf die See ) waren zu ihren Eltern gezogen und wir bewohnten die extra neu tapezierte Wohnung.
Aber ehrlich, die Wohnung lag in einem etwa 8-stöckigem Haus. Das ganze Gebäude sah aus, als wenn Generalfeldmarschall Paulus erst kürzlich hier durchgezogen wäre. Oben imTreppenhaus hing eine 60 Watt Birne, das war die ganze Treppenhausbeleuchtung - alle anderen Glühbirnen waren geklaut. Das Treppengeländer - lebensgefährlich befestigt.

Aber wir wurden in der ganzen Großfamilie sehr herzlich aufgenommen. Die Geschichte von Lilly und dem Hamburger Seemann kannte halb Archangelsk. Gegessen wurde gut, Pilzgerichte - zwar ohne Fleich aber vom Allerfeinsten. Mit Lillys Bruder gingen wir in die Banja ( Sauna ) - getrennt  nach Männchen und Weibchen. 
Ich könnte hier noch richtig ausholen, aber lieber nicht - ich werd zu langatmig. 
Kleine Ausflüge in die Natur wurden per PKW unternommen mit Übernachtung im Zelt am Waldrand, in Nähe eines traumhaften Gewässers. Wodka, und Schifferklavier mit Kalinka war immer dabei. Leider hatte das Auto keine Scheibenwischer und Ersatz war nicht zu beschaffen. Mit nur halb geöffnetem Fenster und einem Handtuch sorgte der Fahrer immer für klare Sicht.

Lilly und ich an der Dwina :
( unter meinem Hemd drücken unsere Pässe und die Dollars )

1954                                    2004

Seemannlilly und hans 
 
 
Auf dem intern. Airport Scheremetjewo in Moskau erwartete uns die Lufthansamaschine nach HH mit Schwarzbrot / Spiegeleier, Speck und kaltem Bier.
Weisst du was ? sagte ich jetzt nach 14 Tagen zu meiner Frau. Ich hab jetzt richtig Heimweh !

Teil 2 :
Wir sollten Lilly und ihren Mann zu uns einladen - meine Frau nickte mit dem Kopf.
Etwa ein Jahr später flitzte sie mit ihrem Mann in Fuhlsbüttel durch den Zoll. Halb Archangelsk wusste, Lilly fliegt nach Hamburg und riet, du musst vorher zum Friseur zum Haare färben, das machen alle Hamburger Frauen. Der Friseur hatte aber nur die rote Farbe eines Feuerlöschers zur Hand. Und so flog sie uns in Fuhlsbüttel in die Arme - naja, wir änderten Lillys Haarfarbe später noch ab.

Wir zeigten den beiden allerhand von unserem Leben. Ich glaub, die Reise war die Reise ihres Lebens. Ihr Mann war Hobby - Angler. Ich schenkte ihm eine komplette, moderne Angelausrüstung - seine Augen leuchteten sooo - das war mir die Sache wert.
Kleinere Unternehmungen in HH und Umgebung waren angesetzt. Der Fischmarkt am Sonntag in der Frühe mit der Kneipe " Zur Kapitänskajüte " -  hier spielte eine Mädchen auf dem Arkordeon " Junge komm bald wieder " - kam besonders gut an. Ich glaub, Lilly kannte das Lied. Sie sang leise mit.
Ein Besuch bei all  unseren Freunden ( alle wollten natürlich Lilly sehen ) - war auch ein Höhepunkt für unsere Gäste :

Lilly und Hans in Schneverdingen :

Ulla & Bendix

So ist das Leben, inzwischen sind ihr Mann und Sohn verstorben und Lilly ist sehr krank. Wir haben zunächst noch geholfen, aber inzwischen ist der Briefkontakt abgebrochen. Wie sich die Zeiten ändern, Norddeich Radio antwortet nicht mehr und Lilly antwortet auch nicht mehr.

Fazit : das war wohl die ungewöhnlichste Freundschaft meines Lebens - sie hat mir einfach Freude gemacht.


Hier sehen Sie noch einige Seefahrer - Impressionen imag

Inhalthome

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